Ich zähle die Tage. In Vorfreude. Darauf, wenn es vorbei ist.
Das klingt jetzt schlimmer als es tatsächlich ist. Aber irgendwie stimmt es auch. Nur war das noch nicht immer so. Und das bringt mich zum Nachdenken.
Advent – in meinem Kopf ist das: einen Gang runterschalten, Kerzenlicht, Keksebacken, ein bisschen mehr Gemütlichkeit, Zeit zum Nachdenken und Austauschen, Kamin, schöne Filme, im besten Fall Spaß mit den Kindern im Schnee, gemeinsam Lieder hören und singen … Wie früher. Die Realität sieht anders aus. Die meiste Zeit zumindest. Und die Ursachen sind wohl recht vielfältig: Da sind zum einen die saisonbedingten Abweichungen vom Normal, von meinen gewohnten Routinen, das viele Außerordentliche, was mein Kopf als chaotisch wahrnimmt und mit Stress reagiert. Und dann sind da auch die vielen Erwartungen. Von mir an mich. Und von anderen an mich (oder zumindest, was ich denke, was andere von mir erwarten). Klar könnte ich da was ändern. Theoretisch. Aber geht das wirklich?
Am ersten Advent ist hier im Dorf Weihnachtsmarkt. Ein Tag, nicht mehr als vier Stunden. Klein. Beschaulich. Eine wirklich schöne Gelegenheit, Leute aus dem Dorf zu sehen, sich zu unterhalten. Das ist der einzige Weihnachtsmarkt, den ich besuche. Als Verkäuferin meiner Drucksachen. In “Sicherheit” hinter meinem Tisch, nicht zwischen den Menschen. Nicht, dass es gefährlich wäre, ich treffe gern mal Leute und unterhalte mich, doch es stresst mich auch auf eine Art, die mir nicht gut tut. Entsprechend braucht es auch einige Tage, bis ich mich von dem (für mich empfunden intensiven) “people-ing” wieder erholt habe. Zeit, in der mein Kopf nur auf Sparflamme läuft. Das hilft natürlich gar nicht im Adventmarathon.

Und richtig pausieren ginge auch nicht. Montags ist mein Einkaufstag. Da ist vormittags normalerweise weniger los in der Stadt und im Supermarkt. Der Montag nach dem ersten Advent fühlte sich allerdings merkwürdig an. Die Menschen auf den Straßen und im Laden waren ungewohnt gehetzt und zum Teil gefährlich unachtsam unterwegs. Und im Supermarkt Christmas Carols aus den Lautsprechern. Ich war froh, als ich wieder zu Hause war.
Nächste Herausforderung: meine Erwartungen an mich. Da es mir unter dem Jahr oft genug passiert, dass ich Mails und Nachrichten nicht zeitnah oder manchmal auch gar nicht beantworte (keine böse Absicht, es geht einfach in meinem manchmal leicht oder stärker überforderten Kopf unter), will ich wenigstens in der Adventszeit ein bisschen Liebe rausschicken, weil ich die Leute ja echt gern hab und die gemeinsamen Erlebnisse schätze. Vor zwei Jahren waren es gedruckte Karten aus meinem Sortiment. Dieses Jahr wollte ich die Karten selber machen. Und es war wirklich schön und entspannend, die unzähligen flachen Fröbelsterne zu falten. Besonders, wenn mein Kopf in den Stressmodus geht, ist “vorausschaubare” Beschäftigung der Hände eine gute Sache. Gedanken sortieren sich, der Kopf beruhigt sich. Vielleicht bin ich im Kartenbasteln dann ein wenig eskaliert. Geschrieben habe ich sie dann aber doch wieder zu spät, und nun muss ich bangen, dass sie rechtzeitig ankommen. Alle Jahre wieder.

Eine andere Sache: Bei uns wohnt in der Adventszeit ein Wichtel. Hier in Schweden ist es üblich, dass mit dem ersten Advent oder spätestens mit dem ersten Dezember ein Nisse einzieht. In vielen Familien richtet dieser kleine Kerl hauptsächlich Schabernack an, mitunter massiv (die Kinder tauschen sich in der Schule darüber aus). Macht unserer auch ein wenig: Schneemann und Skipisten durchs Wohnzimmer aus Klopapierrollen, versteckte Kuscheltiere, Kekskrümel auf dem Fußboden, … meist kleine lustige Dinge. Allerdings schreibt unser Nisse fast jeden Tag einen Brief an die Kids. Und die Kids antworten. Ob das insgesamt besser ist als ein nur-Quatsch-machender Nisse? Vielleicht. Vielleicht auch nicht.

Und dann sind da natürlich die Wunschzettel, die durchgeschaut und weitergeleitet werden wollen. Ein Geschenkpaket an die großen Töchter, die Weihnachten gemeinsam in Leipzig feiern. Noch offene Bestellungen von Kleidung und Dingen. Alles will irgendwie neben dem normalen Alltagsgewusel und dem extra Adventsgeschehen noch untergebracht werden.
Die Kids werden mit zunehmendem Dezember immer schulmüder, müssen dennoch durch Tests und Prüfungen. Da ist zuhause ziemlich was abzufangen an Frust und Missstimmungen. Dieser Dezember war bisher ein ungewöhnlich dunkler, grauer, nasser und schnee- und sonnenfreier Monat. Das macht zusätzlich müde.
Da ist es wirklich schön, wenn am Luciatag (13. Dezember) das Licht gefeiert wird. Wenn es nur nicht auch wieder in Stress ausarten würde. Die Schule veranstaltet zum Beispiel unter der Woche morgens eine Lucia-Vorstellung der kleinen Schüler, also der sechs- bis elfjährigen, für die Eltern mit anschließendem gemeinsamen Kaffetrinken und (freiwilligem) gemeinsamen Basteln am restlichen Schultag. Das ist wirklich eine wunderschöne Sache. Die Kids haben die Lieder in den Wochen davor gut geübt und sehen allerliebst aus in ihren Lucia-, Tärnor-, Weihnachtsmann- und Lebkuchenmannkostümen. Doch mich stressen die Menschen, das Unvorhersehbare, das gefühlt Chaotische in dem Drumherum. Ich weiß, das ist nur in mir. Und das war auch nicht immer so. Zum Glück ist unsere Schule sehr klein und die “Menschenmassen” sind damit überschaubar. Es war auch dieses Jahr wieder nett. Aber den Rest des Tages fühlte sich mein Kopf eben doch wieder überfordert und war zu wenig zu gebrauchen.
Darüber hinaus hat die Schule an einem anderen Vormittag noch eine Vorstellung der neunten Klasse (meist ergänzt durch Schüler der achten) für alle Schüler und die Eltern der Neunten. Das war also für uns nicht aktuell. Doch da die Tochter in der achten Klasse mit dabei war, schnupperte sie bereits in das hinein, was uns nächstes Jahr erwartet. So ging sie für eine Stunde auch zur Luciavaka. Das ist ein interessanter Brauch: die Neuntklässler wachen in der Nacht vor ihrem Luciaauftritt, um dann am Morgen bei einigen Lehrern vorm Haus zu stehen und Lucialieder zu singen. Dafür bekommen sie den restlichen Schultag nach ihren Auftritten frei. Was aber meist auch dringend nötig ist, denn am Samstag ist dann Dorf-Lucia, bei dem Neuntklässler ebenfalls die Hauptrolle spielen, ergänzt durch Kinder aller Altersgruppen. Da sind wir Eltern dann natürlich auch wieder unter den Zuschauern.

Und überhaupt lohnt sich an diesem Tag ein Spaziergang durchs Dorf. Denn seit einigen Jahren gibt es eine Gruppe von Menschen, die just an diesem Tag das Dorf ganz besonders erleuchten. Im Vorfeld spenden die Dorfbewohner eine besondere Sorte Kerzen (oder Geld dafür): Marshaller (in DE oder CH hatte ich diese noch nie gesehen) – sie sehen aus wie überdimensionierte Teelichter, der Durchmesser ungefähr so groß wie eine Untertasse. Diese werden dann in regelmäßigen Abständen am Rand von so viel wie möglich Straßen aufgestellt und angezündet. Je nach Wetter leuchten sie ungefähr die halbe Nacht. Und die jugendlichen Darsteller der Lucia-Feier werden vor der Abendvorstellung mit Fackeln und singend eine Stunde auf der Ladefläche eines LKWs durch die erleuchteten Straßen gefahren und bejubelt.
Nun liegt auch das hinter uns. Die Kinder haben Ferien (und singen fleißig Lucia- und Weihnachtslieder). Der Weihnachtsbaum ist seit gestern auch im Haus und leuchtet schon (noch ohne Schmuck) hübsch vor sich hin. Noch sind jede Menge große und kleine last-minute-Handgriffe zu erledigen, doch heute ist endlich mal ein Tag mit Gemütlichkeit. Ein Tag, an dem ich es mal wieder schaffe, meine Gedanken in Worte zu formulieren.
Klinge ich wirklich grinchig? Eigentlich mag ich Weihnachten und Advent, Weihnachtsmarkt und Basteln, Lucia und Karten schreiben, das Singen und die Aufregung unterm Weihnachtsbaum. All das. Es fühlt sich nur mitunter zu viel an. Zu viel in zu kurzer Zeit. Zu viele viele-Menschen-events. Zu viele “Anforderungen”, Informationen, Geräusche. Aber Tage wie heute, die tun mir gut. Und solche Tage kommen noch einige nach Weihnachten, wenn alles wirklich zur Ruhe kommen darf. Darauf freue ich mich. Vielleicht bin ich nicht grinchig. Vielleicht brauche ich einfach mehr Raum zwischen all den schönen Dingen.