Über-Leben(s)-Kunst-Gedanken 25/46

Vor ein paar Wochen gab es irgendwo die Headline, der Erdkern wäre zum Stillstand gekommen und würde nun die Rotationsrichtung ändern. Allein diese Überschrift setzte sich in meinem Kopf fest, weil es mir gefühlt ganz genau so ging. So vieles, was sich vorher in mir drehte, mich bewegte, wurde abrupt abgebremst. Dinge, die mir Freude machten, für die ich gekämpft hatte, waren so nicht mehr möglich.


Wie sehr der Stillstand des Erdkerns für uns auf dem Erdmantel spürbar ist oder irgendwelche Folgen haben kann, sei dahingestellt. Mein eigener dagegen war durchaus merkbar für mein Umfeld: Menschen, für die ich eigentlich da sein wollte, mussten vorerst ohne mich auskommen oder nur mit einem kleinen schwachen Teil von mir. Ich auch. Und das war fast mit am herausforderndsten. Weil es so neu war, auf diese Art an eigene Grenzen zu stoßen, plötzlich nicht mehr zu funktionieren, wie ich es gewohnt war. Man könnte fast sagen, ich musste und muss noch immer das Leben neu lernen. Mich also selbst unter diesen Umständen neu finden. Und ja, dabei veränderte sich der innere Fokus und damit auch unweigerlich meine innere Rotationsrichtung.


Manch einer in meinem Umfeld ist überzeugt, die Ursache für meinen Breakdown läge im Äußeren, in Situationen, Menschen, Herausforderungen. Manche machen sich gar Vorwürfe, sie hätten mich in gewisse Situationen erst gebracht oder mich nicht ausreichend in Herausforderungen unterstützt. Doch mir war relativ schnell klar, dass dem nicht so war. Vielleicht könnten die Auslöser in all diesen Dingen zu finden sein, nicht aber die Ursache.


Und hier passt für mich wieder das Bild mit dem Erdkern. Offensichtlich liegt es einfach in seiner “Natur”, in den Naturgesetzmäßigkeiten, dass er in Abständen auch anhält und die Richtung ändert. Was, wenn die Ursache für meinen eigenen Stillstand in meiner Natur liegt. Natürlich nicht in der selben Art wie beim Erdkern. Aber wenn ich mein Leben mit Dingen fülle, die nicht zu mir, zu meiner Persönlichkeit passen, kann es wohl passieren, dass das innere System irgendwann zusammenbricht und zur Neuorientierung herausfordert. Vielleicht ist es ja auch wirklich so gedacht, dass auch wir Menschen dann und wann innehalten und unsere Richtung neu überdenken. Was man aber leicht vernachlässigt in unserer viel zu schnellen und viel zu lauten Welt.


Die Schwierigkeit in meinem Fall war nur, dass mir nicht klar war, wo genau meine Grenzen lagen und wie meine Persönlichkeit gestrickt ist. Zwar gab es schon immer Hinweise, die auf gewisse Dinge hindeuteten, doch ich sah diese stets losgelöst voneinander, nie im Zusammenhang. Das beginnt erst jetzt in meinen Mitt40ern. Erst nach dem Stillstand. Immerhin.


Es ist schade und macht mich mitunter etwas traurig, dass ich nicht (oder zumindest nicht im selben Umfang) in den Job zurückkehren werde, der mir wirklich Freude bereitet hat, wenngleich die zugehörigen Herausforderungen zu meinem Knock-out beigetragen haben. Aber ich weiß, wenn ich meine Grenzen (vor allem nun, da ich sie ein wenig besser verstehe) wieder ignoriere, laufe ich nur in die nächste Wand. Das wäre keine gute Idee.


Mir bleibt also nichts anderes Übrig, als mich irgendwie “neu zu erfinden”, wie man manchmal sagt. Aber eigentlich stimmt das “erfinden” nicht. Es ist eher ein “Finden”. Je mehr ich von mir selbst entdecke, also von der Person, die ich immer war, bevor ich mich – wissend wie auch unwissend – an Normen und Anforderungen anpasste, desto ruhiger und friedlicher wird alles in mir. Die Folgen des Breakdowns und gelegentliche Meltdowns frustrieren natürlich. Doch die neue Richtung, die innerlich und äußerlich vor mir liegt, macht mir keine Angst. Im Gegenteil, sie erfüllt mich mit Vorfreude und Hoffnung. Es wird vielleicht anders werden, aber mehr ich.

Kennst Du auch diesen manchmal beunruhigenden Moment, indem alles anhält, bevor es sich neu sortiert? Wo sich so vieles nach Ende und Versagen anfühlen kann. Aus dem aber schließlich etwas Neues, etwas Authentischeres wachsen möchte. Das ist alles erst der Anfang. Und irgendwie auch ein “Level up”, oder?

Alles hat seine Zeit, Dezember 2022, Acryl auf Leinwand, 42x60cm

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