Von Erschöpfung, die sich nicht wegschlafen lässt.
Gut ein Jahr ist es jetzt her, dass ich auf Arbeit zusammenbrach. Nicht körperlich. Innerlich. Fast unsichtbar. Da waren nur die Tränen. Und innen Leere. Zwei Tage vorher sprach ich mit einer Kollegin darüber, wie erschöpft ich mich ständig fühlte und wie nahe den Tränen, grundlos. Sie meinte: “Pass auf Dich auf!” Sie war auch bei mir, als es geschah. Sie war vor Jahren selbst einmal da. Ahnte, was los war. Sagte vorsorglich ein Meeting ab, das wir später am Tag noch in einer wichtigen Sache gehabt hätten. Eine letzte Stunde hielt ich an dem Freitag noch durch.
Der restliche Tag wechselte zwischen fassungsloser Gefasstheit und unfassbarer Fassungslosigkeit. Ich war nicht nur müde, ich war kraftlos. Mein turbulenter Alltag und ein fordernder Job hatten meine Energiereserven komplett aufgefressen. Ich war nicht nur bei Null, ich war im Minus. Meine Sprache verschwand. Nicht die Muttersprache. Die Arbeitssprache. Worte waren einfach nicht mehr abrufbar. Der Kopf ging in den Stand-by-Modus. Die Konzentrationsschwächen und Vergesslichkeiten, die sich in den zurückliegenden Wochen schon angedeutet hatten, kulminierten nun. Und alles an mir schien übersensibel zu reagieren. Auf Lautstärke. Zu viele Informationen. Anforderungen. Menschen. Vor allem Menschen.
Warst du auch schon da? Kennst du dieses Gefühl, wenn der Kopf nichts mehr hergibt, wenn einfach alles zu viel wird? Für mich war es in dieser Intensität neu.

Ich dachte, das Wochenende würde reichen, und dann wäre ich schon wieder fit. Es reichte nicht. Ich meldete mich eine Woche krank und meinte, dann ginge es sicher wieder. Es ging nicht. Für eine Krankschreibung musste ich zum Arzt. Der stellte außer einer Erschöpfungsdepression miserable Blutwerte fest und verordnete zusätzlich zu den notwendigen Medikamenten einen Monat Ruhe. Ich war überzeugt, stimmen die Werte wieder, kann es weitergehen. Die Werte brauchten lange. Der Rest von mir auch. Ein zweiter Monat Auszeit wurde nötig.
Der Kopf versuchte zu verarbeiten. Am herausforderndsten waren die ständig wiederkehrenden Fragen: Warum schaffe ich nicht, was andere scheinbar mit links erledigen? Was ist falsch mit mir? Wo lag das Problem? Ich hatte doch endlich die Möglichkeit bekommen in dem Job zu arbeiten, für den ich studiert hatte, und schließlich auch in dem Bereich, den ich liebte. Und es hatte mir, trotz aller Herausforderungen wirklich Freude gemacht. Ich mochte die Kollegen und fühlte mich im Team gestützt und getragen. Erst ein halbes Jahr vorher hatte ich von einer Teilzeitanstellung zu einer Vollzeitanstellung aufgestockt, weil ich überzeugt war, dass es funktionieren würde.
Erschöpfung, Langsamkeit im Kopf und Übersensibilität hielten sich weiterhin hartnäckig. In einem Beruf, wo man mit Menschen arbeitet, wo es mitunter laut und nicht immer zu hundert Prozent berechenbar zugeht, kommt man so nicht weit. Ich stieg langsam wieder ein. Stundenweise. War aber direkt erneut überfordert. Ich kämpfte zwei Monate. Noch mit Teilzeitkrankschreibung. Immer in der Hoffnung, dass mein altes motiviertes, kraftvolles Ich endlich zurückkommen würde. Doch ich musste recht bald einsehen, dass das – wenn überhaupt – wohl nicht so schnell passieren würde.
Der Versuch, die Hintergründe zu verstehen, blieb. Dass ich auf irgendeine Art meine Kraftgrenzen überschritten hatte, war mir schnell klar gewesen. Doch dass mein Introvertiertsein möglicherweise ein Schlüssel war, verstand ich erst später. Es ist ja nicht so, dass man introvertiert nicht mit Menschen arbeiten könnte, doch soziale Situationen sind Energiefresser und müssen durch “menschenfreie” Zeiten aufgewogen werden, damit der Energiehaushalt stimmt. Was mir während der Teilzeitanstellung gewissermaßen intuitiv gelang, war plötzlich nicht mehr möglich, schon gar nicht mit einem so schon turbulenten Familienalltag. Meine kreative “Erholungszeit” in Form von Schreiben und Malen stand aus Zeit- und anderen Gründen auf dem Abstellgleis. Und als die Kraft für nichts mehr reichte, lag auch die Kreativität weiterhin brach.
Die scheinbar neue Übersensibilität bezüglich verschiedenster Sinneseindrücke, die bis heute besteht, beschäftigte mich sehr. Und meine offensichtlich intensivere Sehnsucht nach Ordnung, Routinen, Struktur, Vorhersehbarkeiten – und die damit verbundenen Empfindlichkeiten, wenn diese Zustände gestört werden oder fehlen. Auch der wiederkehrende Kopf-stand-by, wenn mir Dinge und Situationen zu viel werden, ein Zustand, in dem meine Reaktionsfähigkeit spürbar reduziert ist. Dazu das Gefühl der Überforderung im Kontakt und Umgang mit Menschen außerhalb der Familie. Alles nur Folge der Erschöpfung? Oder gibt es vielleicht auch einen Zusammenhang mit dem beginnenden “körperlichen Umbau” bei Frauen um die 50? Oder steckt noch mehr dahinter?
Meine typischerweise intensiven Recherchen führten mich im Laufe der Monate durch viele Themen: außer Burnout und Stressoren unter anderem auch Introversion und neurodiverse Erscheinungsformen wie Hypersensibilität, Autismus und ADHS, darüber hinaus zum Beispiel Mineralienhaushalt und Hormonveränderungen. So spannend. Manche Dinge könnten erklären, manche nicht. Einiges hilft, mich und die Geschehnisse aus einer anderen Perspektive zu sehen, achtsamer mit mir und meiner Energie umzugehen, meinen Alltag neu zu gestalten.
Ein Jahr der Erschöpfung und der Fragen liegt hinter mir. Ich bin gewiss noch nicht fertig damit. Aber alles erscheint mir wieder etwas heller und bunter und hoffnungsvoller. Das Loslassen des Alten war schmerzhaft, doch nun überwiegt die Neugier, was sich daraus entwickeln wird. Es scheint auf den ersten Blick wie ein Schritt zurück, doch es ist wohl mehr ein Schritt näher zu mir selbst, ein bisschen mehr in Übereinstimmung mit dem, was mich ausmacht.
Vielleicht ist das Minus schlicht der Beginn einer neuen Rechnung, deren Variablen ich gerade erst entdecke.
(Das Bild oben ist ein Ausschnitt aus einem meiner letzten Werke, bevor mir alles zu viel wurde. Es ist noch unfertig, vielleicht ein wenig so, wie ich mich manchmal fühle. Sein Arbeitstitel ist: „Vågar vi?“, also: Wagen wir es? Es könnte nicht passender sein. Derzeit ruht es und wartet, bis es weiter wachsen darf.)