Wie eine Hochzeit alte Bruchstellen zum Leuchten brachte
Vor ein paar Monaten erhielten wir als Familie eine Einladung. Die Patentante des jüngsten Kindes würde heiraten und wollte uns nicht nur dabeihaben, sondern sogar, dass mein Mann die Trauung hält und das Patenkind in der Kirche die Ringe nach vorn trägt.
Doch diese Hochzeit würde an dem Ort stattfinden, an dem wir vor Jahren in einen wilden Sturm geraten waren, der uns sehr viel gekostet hat. Kein meteorologischer Sturm. Natürlich nicht. Ein persönlicher Sturm. Menschen, die uns plötzlich anders begegneten und Dinge über uns sagten, die nicht stimmten. Und es war nicht das erste Mal. Die Spannungen forderten uns als Erwachsene stark und brachten uns an unsere Grenzen. Auch unsere Kinder spürten mehr davon, als wir damals ahnten. Sie wussten nicht, worum es ging, und wir erst später, was es mit ihnen machte. In dieser Zeit, so könnte man bildlich sagen, zerbrachen viele unserer schönen Gedanken und Erinnerungen, die in den Jahren zuvor an diesem Ort hatten entstehen können.

In der Zwischenzeit sind viele Jahre vergangen. Jahre, in denen wir oft zusammengesessen und darüber geredet haben. Um zu verarbeiten. Um zu verstehen. Uns und die anderen. Irgendwann waren wir schließlich überzeugt, dass wir mit dem Sturm damals Frieden geschlossen hätten. Die Erinnerungen von davor ein bisschen gekittet.
Und dann kam die Einladung.
Und mit ihr ein Sturm von innen.
Der Kitt schien dem nicht standzuhalten.
Natürlich wollten wir die Freundin und ihren Mann gern wiedersehen, bei der Hochzeit dabei sein und mitwirken, dem jüngsten Kind die Gelegenheit schenken, endlich einmal die Patentante wiederzusehen. Doch dafür mussten wir an den Ort des Sturms und würden Menschen von damals wiedersehen. So vieles wehrte sich von innen dagegen. Doch wir spürten, dass genau das nötig war, um wirklich mit den Ereignissen von damals abschließen zu können. Die Hochzeitseinladung war ein Geschenk an uns. Nicht bewusst in diesem Sinne von dem Brautpaar abgeschickt, doch von anderer Stelle so gelenkt.
Und so nahmen wir vor ein paar Wochen die weite Strecke auf uns. Fast am Ziel im Zug Sprache und Dialekt nach so langer Zeit wieder zu hören, löste bereits starke Beklemmungen in mir aus. Und die Sorge, wie das wohl insgesamt ausgehen würde. Noch viel mehr die Ankunft am Zielort und der Weg durch das Dorf. An allem klebten gefühlt Reste des Sturms. An manchen Stellen musste ich mich abwenden, weil mich die Emotionen mitzureißen drohten. Kein Groll, vielmehr die Not und die Sorgen von damals. Die Erinnerung an die Ablehnung, die wir erlebt hatten. Und die Frage, wen wir an diesem verlängerten Wochenende treffen würden. Wie sie uns nach dieser langen Zeit begegnen würden.
Die letzten Vorbereitungen vor der Hochzeit nutzten wir für Spaziergänge bei herrlichstem Spätsommerwetter im Dorf, und dabei kamen endlich auch erste alte Erinnerungen zurück, die vor dem Unwetter. Am Hochzeitstag selbst trafen wir so viele wunderbare Menschen von damals. Und am Tag danach noch einmal. Ich bin dankbar für jede einzelne Umarmung, jedes warme Lächeln, jedes Gespräch.
Ihr seid uns begegnet wie ganz am Anfang, als wir das allererste Mal zu Euch kamen: mit offenen Armen und Herzen. Doch diesmal noch mehr, schließlich kannten wir uns ja schon, hatten Dinge miteinander erlebt. Manche von Euch waren überrascht, dass wir noch so viel mit uns trugen. Verarbeiten dauert eben unterschiedlich lange, auch wenn es sich um dieselbe Geschichte handelt. Vieles hat sich verändert, sagtet Ihr. Das haben wir gespürt. Ihr habt dazu beigetragen, dass Erinnerungen auf eine ganz besondere Art “repariert” werden konnten.
Kintsugi. Nicht einfach nur mit Kleister, der die Bruchstellen möglichst unsichtbar macht, sondern mit einem Spezialleim, der Gold enthält und die Bruchstellen veredelt. Denn was geschehen ist, kann nicht ungeschehen gemacht werden. Doch wo Offenheit und Liebe mit alten Verletzungen in Kontakt kommen, werden die Narben zwar nicht unsichtbar, aber weicher. Die Bruchstellen beginnen zu leuchten und erzählen die Geschichte von Schönem und Schwerem, vor allem aber von Menschen, die einander sehen und bereit sind, aufeinander zuzugehen.
Danke. Ihr habt Dinge repariert, ohne es zu wissen, ohne es zu merken. Und wenn ich daran denke, wieviel das mit uns gemacht hat, dann wünsche ich mir, dass das häufiger passiert. Nicht nur mir und uns, sondern allen. Und vielleicht ist es genau das, was die Welt heute am meisten braucht. Dieses Einanderbegegnen und Hinhören. Vielleicht kommt auf diese Weise Goldleim in Bruchstellen, von denen wir nicht einmal ahnen, dass sie existieren. Und plötzlich wird auch für unsere Mitmenschen die Welt ein bisschen glänzender, ein bisschen heller und wärmer.
